Lateinamerika Nachrichten - Die Monatszeitschrift zu Lateinamerika


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Ausgabe 485
Nov. 2014



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Dominikanische Republik

Der ewige Balaguer des Dominikanischen Königreichs

Oder: Oberst Aureliano Buendía am Ende des 20. Jahrhunderts

Die Politik der Dominikanischen Republik ist nach wie vor durch Joaquín Balaguer bestimmt, nachdem dieser sieben Präsidentschaften übernommen und insgesamt 22 Jahre in der Regierung verbracht hat. Der „doctor“ hat – einer alten Tradition folgend – für die anstehenden Gemeinde- und Parlamentswahlen noch immer nicht seine Präferenzen bekanntgegeben, so daß innerhalb der Parteien Verwirrung herrscht, seine eigene Partei natürlich nicht ausgenommen.

Der doctor Joaquín Balaguer läßt sich durch seine 90 Jahre nicht beeindrucken. Wie ein wirklich guter Oberst Aureliano Buendía stürzt er sich nach 33 verlorenen Kriegen in den nächsten – es sei denn, er macht eine Pause und widmet sich der Herstellung von Goldfischen.
Jeden Nachmittag folgt er einem alten medizinischen Rat und geht im Park Mirador del Sur spazieren, um von dort aus einen Teil des politischen Lebens der Dominikanischen Republik zu richten.
Mehrere Male schon hat er seinen Rückzug aus der Politik verkündet, das letzte Mal 1996, als er sich dazu gezwungen sah, die Macht aufzugeben; aber er wird immer wieder das Vorbild abgeben, nicht nur für seine eigene Partei, die Reformistische Sozialchristliche PRSC, sondern auch für die anderen übriggebliebenen, die Dominikanische Revolutionäre Partei PRD und die Dominikanische Befreiungspartei PLD – letztere ist in der jetzigen Regierung vertreten. Rund um Balaguers Figur hat sich eine eigene Vorstellungswelt ganz nach Art des magischen Realismus aufgebaut. Die Leute auf der Straße sagen, daß ihn einzig und allein der Sitz auf dem „Stuhl aus Messern“ (ähnlich dem der Fakire) am Leben erhält, eine poetisch bildhafte Bezeichnung für den Präsidentschaftsstuhl, die der „doctor“ selbst Ende der 60er Jahre erfunden hat. Andere, etwas sarkastischer Veranlagte erzählen, daß er in einem formalingetränkten Bett schläft und sich auf diese Art und Weise für immer jung hält ...
„Der Doktor“ oder „Seine Ex-zellenz“, wie man ihn im Volke nennt, hat sich sogar einen Platz im Volksliederbuch verschafft, sei es als Verfasser romantischer Boleros oder als Thema ätzender Rocklieder. Außerdem ist er Autor von Biografien, Memoiren und Texten über die Grammatik des Castellano, in denen er einen cervantisch-klassischen Stil mit oftmals wahrhaft mystischen Vorstellungen verbindet. Seine Exzesse kennen manchmal keine Grenzen. In seinen „Memorias de un Cortesano de la Era de Trujillo“ leistete er sich den Luxus, eine ganze Seite weiß zu lassen, damit sie sich nach seinem Tode mit den Namen der Mörder fülle, die 1975 den Journalisten Orlando Martínez umbrachten.
Der Schriftsteller Viriato Sen-ción entwarf ein scharfes Porträt des doctor in „Los que falsificaron la firma de Dios“, ein Werk, mit dem er 1993 den nationalen Literaturpreis gewann, der allerdings seinerseits von der damaligen Erziehungsministerin Jaquelin Malagón nicht anerkannt wurde, da sie das Werk als eine „persönliche Beleidigung seiner Exzellenz“ auffaßte.
Blind und mit einem exzellenten Gedächtnis versehen wie Jor-ge Luis Borges konstruierte sich der doctor eine Welt nach seinem Maß. Er hält sich selbst für ein bedeutendes Bestandteil für das Geschick des Landes. Demokratie ist für ihn ein Anzug, den man sich irgendwie anziehen kann oder auch nicht. Den Politikern, die man als „Junge Balaguerianer“ bezeichnet, war bisher wenig Glück beschieden: Nachdem Antonio Guzmán 1984 Selbstmord beging, dauerte die Präsidentschaft Jacobo Majlutas nur 45 Tage, da er 1996 in Miami verschied, während Peña Gómez in den letzten Jahren unter Krebs zu leiden hatte.
Voreilig bezeichnete man den Moment der Regierungsübergabe aus den Händen dieses Greises – mit immerhin 89 Jahren – in diejenige eines jugendlichen 43jährigen als das Ende der „Ära Ba-laguer“. Die jüngste Geschichte zeigt das Gegenteil.

Demokratie a la Balaguer

Es gibt demokratisierende Winde innerhalb der PRSC, die 1996 die Kandidatur Jacinto Peynados erzwangen, doch blieben sie, was sie waren: Wind. Balaguer mag vielleicht augenblicklich einige Strömungen von Unternehmern und Industriellen in seiner Partei beachten, die nach einem neuen Gesicht schrien. Trotzdem würde der doctor nicht einen Finger für Peynado bewegen, eher manifestiert er eine gewisse Vorliebe für Leonel Fernández, den Kandidaten der PLD. Das Resultat ist bekannt: Es formierte sich die Patriotische Nationalfront, ein Abkommen zwischen den Reformisten und der PLD, um einen dritten Ort für den Kandidaten der PRSC zu schaffen. Auf diese Art wird außerdem ein Bündnis der PLD mit der PRD mit ihrem altgedienten Kandidaten Peña Gómez verhindert, das ansonsten Leonel Fernández den Aufstieg zur Regierung ermöglicht hätte.

Die Schwäche der anderen als eigene Stärke

Das Gewicht Balaguers in der dominikanischen Gesellschaft kann man einerseits durch die Enttäuschung erklären, die die sogenannten „alternativen“ Kräfte hervorrufen, und andererseits durch sein gewichtiges Charisma. Die Linke ist verschwunden oder in die PRD oder PLD integriert, so daß die Forderungen und Ansprüche des Volkes allein in den Händen gewerkschaftlicher und studentischer Organisationen liegen, die nicht das geringste Ansehen genießen. Dadurch kann sich die PRSC mit Balaguer als dritte und wesentliche politische Kraft in der Dominikanischen Republik behaupten. Hinsichtlich der bevorstehenden Gemeinde- und Parlamentswahlen gelangten die drei Parteien zu der Überzeugung, daß sie jeweils allein nicht die absolute Mehrheit erlangen können. Das neue Modewort heißt „Verhandlung“ oder „Vereinbarung“.
Zitiert man Hatuey De Camps, Generalsekretär der PRD, so sind viele führende Persönlichkeiten der PRD zur PLD übergetreten, da sie mit der Parteilinie nicht mehr übereinstimmen. Zwischen der PRD und der PLD befinden sich, gleichsam wie eine Trumpfkarte, die Reformisten. Und doc-tor Balaguer ist sich seiner Rolle als Herr der Lage sehr bewußt.
Die Vorwahlen, die im Februar innerhalb der PRSC abgehalten wurden, um die Kandidaten für die eigentlichen Wahlen zu bestimmen, waren durch fantastische Wahllisten und nicht mehr aufzufindende Urkunden gekennzeichnet. Mario Read Vittini, ein Mitglied des Organisationsaus-schusses, erklärte, daß man in elf Provinzen diese Vorwahlen annullieren werde. Jacinto Peynado bezeichnete die Vorgänge innerhalb seiner eigenen Partei als „perfektes Durcheinander“ und dieselbige als „Partei ohne Ziel“, womit er weiterhin seine harte Linie gegenüber „seiner Exzellenz“ verfolgt. Balaguer hat nämlich seinerseits Ende Februar bekanntgegeben, daß er die Übergabe der Urkunden und Berichte dieser Vorwahlen erwartet, um einen Entschluß zu fassen. Denn schließlich und endlich begünstigen es all diese Symptome, daß sein Schiedsrichterspruch am Ende unvermeidlich wird.
Vielleicht wird man bis zur letzten Stunde der Frist, die Kandidaten in der Zentralen Wahlversammlung einzuschreiben – was im März fällig wird –, nicht wissen, wer die zu Wählenden sind. Niemand kann ausschließen, daß der doctor sich nicht selbst für den Senatorenposten im Nationalen Distrikt zur Wahl stellt, falls die verschiedenen, miteinander im Widerstreit stehenden Gruppen sich nicht einigen können. Die Bibel würde sagen: „Alles ist mög-lich im Königreich Balaguer.“

Die Wahlen, das neue Geschäft

Auf den Wahlbetrug von 1990, durch den Juan Bosch mit der PLD die Wahlen verlor, folgte der Be-trug von 1994, bei dem wiederum Peña Gómez mit der PRD ungerechterweise der Sieg entrissen wurde.
Die soziale Unausgeglichenheit, die große politische Instabilität und der Druck der USA, die seit Jahrzehnten die Politik entscheidend mitbestimmt, führte dazu, daß die Parteien in Santo Domingo sich darauf einigten, Balaguer für eine verkürzte Legislaturperiode im Amt zu belassen und 1998 Gemeinde- und Parlamentswahlen abzuhalten.
Um die Wahlkam-pagnen zu finanzieren, legt die Zentrale Wahlversammlung insgesamt 171 Millionen Pesos aus, das heißt, daß jede der drei großen Parteien 45 Millionen Pesos erhält. Wenn man dazu die große Menge an Investitionen summiert, die Unternehmer und Industrielle in die verschiedenen Organisationen als außerpartei-liche Unterstützung tätigen, so kann man mit Fug und Recht behaupten, die dominikanischen Wahlen seien ein großes Geschäft. „Investieren Sie in einen Kandidaten, und wenn sie Glück haben, werden sie reichlich gewinnen“ – dieser Satz ist der meist gehörte in den Bars und anderen Treffpunkten des blühenden politischen Yuppietums.

Der Kreuzweg der PRD

Die PRD sieht sich seit November vergangenen Jahres in einer tiefen Repräsentativitätskrise versunken. Weder Peña Gómez’ cha-rismatische Autorität, noch seine disziplinierenden Fähigkeiten konnten die Partei zusammenhalten. Noch viel weniger erreicht dies die sozialdemokratische Philosophie in einer Partei, in der Populismus und Klientelwirtschaft die alltäglichen Normen darstellen.
Auch hier verwandelten sich die Vorwahlen, die über die Kandidaten für das Parlament und das Bürgermeisteramt Santo Domingos entscheiden sollten, in ein Chaos, das bis Januar diesen Jahres andauerte. Um die Situation zu retten, mußte sich Peña Gó-mez selbst zum Kandidaten für das Bürgermeisteramt ausrufen.
Die Verhandlungen, die die PRD noch bis vor kurzem mit ihren Erzrivalen, den Reformisten, führte, gingen zu Bruch, als durch Indiskretionen (vermutlich seitens Balaguers) bekannt wurde: Die PRSC führte neben den Verhandlungen mit der PRD auch ebensolche mit der PLD.
„Es ist uns nicht zuträglich, daß wir nach Verhandlungen zu betteln scheinen, die uns im Endeffekt das verzweifelte Gegenteil einbringen“, sagte Peña Gómez in seinem Rundfunkprogramm „Tribuna Democrática“. Er glaubt, daß die Führung der PRSC erneut verhandeln will, während die Parteibasis – „durch den Liberalismus gewonnen“ – ein Bündnis mit der PRD sucht.

Die Kandidaten

Ein neuartiges Element für die nächsten Wahlen wird die Bedeutung der sogenannten „unabhängigen“ Kandidaten sein.
Die PLD stellt zum Beispiel Roberto Salcedo für das Bürgermeisteramt Santo Domingos, ein Schauspieler, der sich zuerst als Showmaster präsentierte, um dann mit einigen Müllsammlungsaktionen „das Herz der Hauptstädter zu gewinnen“, wie es einige offizielle Persönlichkeiten der Partei formulierten. Außerdem spielt die PRD mit dem Gedanken, als Vize-Kandidaten für eben dieses Amt den ehemaligen Orchester-Dirigenten Johny Ventura aufzustellen.
Auch die Listen der anderen Parteien geizen nicht mit Merengue-Sängern, berühmten Sportlern und anderen spektakulären Persönlichkeiten: So zahlen sie ihren Tribut an die wachsende Bedeutung des Fernsehens, das der modernen Politik der Dominikanischen Republik Raum zum Austoben bietet.

Ewiger Balaguer

Während sich die politischen Or-ganisationen abmühen, Taktiken und Strategien für das möglichst beste Resultat zu entwickeln, fährt doctor Balaguer mit seinen Spaziergängen im Mirador del Sur fort, begleitet von einem Gefolge von nach Vorteilen suchender Politiker und Militärs. Trotz seines Alters hat er die Gewohnheit nicht aufgegeben, morgens früh aufzustehen, zu beten und sich dann dem Diktieren seiner Werke zu widmen. Innerhalb der letzten fünf Jahre hat er jedes Jahr durchschnittlich mindestens ein Buch geschrieben und veröffentlicht.
Er hält sich für das Kind des Volkswillens.
Seine Methode, die lokale Politik zu bewegen, ist zweifellos überall etabliert, so daß er auch noch lange nach seinem Tod der Auslöser vieler leidenschaftlicher Auseinandersetzungen sein wird.

Übersetzung: Petra Kader

Text: Miguel D. Mena
Ausgabe: Nummer 285 - März 1998


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